Die Ideologen der Frankfurter Schule – Max Horkheimer (1895-1973)
Wenn von der «Frankfurter Schule» oder der «Kritischen Theorie» die Rede ist, dann denkt man an Namen wie Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, Herbert Marcuse und Jürgen Habermas, aber auch an die Studentenrevolte von 1968, die in Theorie und politischer Praxis von der «Kritischen Theorie» der «Frankfurter Schule» genährt wurde. Durch die Studentenbewegung der 68er Jahre erhielt die «Kritische Theorie» der «Frankfurter Schule» ihre spürbare Breitenwirkung; die Protagonisten haben auf ihrem langen Marsch durch die Institutionen bis !reute Politik lind Gesellschaft auf allen Ebenen beeinflußt.
Frankfurter Schule?
Namhafte Exponenten der 68er Bewegung besetzen heute Führungspositionen Lind Institutionen und lenken mit ihren Entscheidungen das gesellschaftliche und politische Leben. Themen, die damals von der «Kritischen Theorie» vorgedacht wurden, bestimmen heute weitgehend das Denken in Gesellschaft, Wirtschaft und Politik.
Deshalb – um Hintergründe, Absichten und Ziele der heutigen Meinungsmacher in Medien, Gesellschaft, Politik und Staat verstehen und einordnen zu können – sollen die Theorien der «Frankfurter Schule» oder eben, soll die «Kritische Theorie» dargestellt werden. Denn auch die junge Generation hat ein Recht zu erfahren, was die historischen, philosophischen, geistigen und radikal-politischen Hintergründe derer sind, die heute das Ruder in Familien-, Schul- und Wissenschaftspolitik, in Wirtschaft, Gesellschaft und Staat in ihren Händen haben.
«Kritisch» nennt sich die Theorie von Horkheimer, Adorno, Marcuse wegen ihrer grundsätzlichen Negation der bestehenden bürgerlich-kapitalistischen Gesellschaftsordnung, die angeblich die Menschen ihrer wahren Bedürfnisse entfremde und deshalb unterdrücke. Das kapitalistische Wirtschaftssystem zwinge die Menschen in Lohnabhängigkeit und soziale Unterdrückung. Es müsse deshalb überwunden werden – darin folgen sie Marx, Engels und Lenin. Neu ist jedoch, daß sie die revolutionäre Strategie gegen die kapitalistische Wirtschaft und Gesellschaft auf alle gesellschaftlichen und kulturellen Institutionen wie etwa Schule, Universität, Familie, Kirche und Staat ausdehnten. Denn, so meinten sie, der «subjektive Faktor», der Charakter des Menschen sei durch Familie und andere kulturelle Institutionen so an die bestehenden gesellschaftlichen Verhältnisse angepaßt, daß er die revolutionäre Veränderung der «objektiven» politisch ökonomischen Verhältnisse hemme. Die «Kritische Theorie» verbindet demzufolge marxistische Kritik am Kapitalismus mit Charakterpsychologie – namentlich mit der Triebtheorie Sigmund Freuds. Hinzu kommt gesellschaftskritische Philosophie, vermischt mit subversiven Strategien des Kulturkampfes, vor allem gegen die Autoritäten in Schule und Erziehung, in Familie, Kirche. und Staat.
Biographische Notiz
Max Horkheimer (1895-1973) wurde als einziger Sohn eines jüdischen Textilfabrikanten in Stuttgart geboren. Während des Ersten Weltkrieges war er Juniorchef im Betrieb seines Vaters und mußte deshalb am Krieg nicht teilnehmen. In Tagebuchaufzeichnungen und Novellen, veröffentlicht unter dem Titel «Aus der Pubertät», wird eine früh empfundene Abneigung gegen die Welt seines Vaters, gegen die Welt der Fabrikanten, der bürgerliche Werte und Normen deutlich. In einer Erzählung, geschrieben im Jahr 1916, findet die Hauptperson, der Arbeiter Steirer, seine Geliebte in den Armen des Fabrikantensohnes, bringt diesen um und begibt sich mit dem Mädchen auf die Flucht. Dabei sagt er zu ihr: «Wenn Menschen wie er gut sein können, Menschen deren Vergnügungen und Bildung (….) mit soviel Unglück anderer erkauft sind, dann kann auch meine Tat nicht schlecht sein. Der Unterschied zwischen ihm und mir ist nur der, daß ich handeln mußte (. .), während er bequem sein und genießen durfte und nicht erfuhr, was der Genuß kostet und wie blutig er ist.» 2
Gemeinsam mit seinem Jugendfreund Pollok holt Horkheimer das Abitur nach und beginnt 1919 das Studium der Psychologie, Philosophie und Nationalökonomie, zunächst in München, dann in Frankfurt. 1920 wird er von seinem Professor zu Husserl nach Freiburg empfohlen, wo er auch Heidegger kennenlernt. dessen existenzphilosophischer Ansatz nachhaltig sein Denken beeinflußt.
1924 trifft Horkheimer mit Adorno zusammen. Dieser schreibt seinem Freund Leo Löwenthal, Pollock und Horkheimer seien «sehr ungewöhnliche Menschen», beide «übrigens Kommunisten». 1925 habilitiert Horkheimer und wird Privatdozent. Da er zu gehemmt ist, seine Vorlesungen ohne genauestens ausgearbeiteten Text zu halten, begibt er sich in Psychotherapie bei dem Mitbegründer des «Frankfurter Psychoanalytischen Instituts», Karl Landauer.
Das Institut für Sozialforschung
Im Jahr 1930 übernimmt Horkheimer die Leitung des Instituts für Sozialforschung, wie sich das frühere Institut für Marxismus inzwischen nannte. Es war der Universität Frankfurt am Main angeschlossen und beschäftigte vorwiegend kommunistische Mitarbeiter und Doktoranden.; Daß Horkheimer die Leitung übergeben wurde, überraschte. Er gehörte bis dahin weder zum engeren Mitarbeiterkreis des Instituts, noch hatte er sich vor 1930 akademisch besonders hervorgetan. Außer einer unauffälligen Habilitationsschrift und drei oder vier Gedenkartikeln hatte er bis dahin nichts veröffentlicht.
Horkheimers gleichzeitige Berufung auf den Lehrstuhl für Philosophie an der Universität zu Frankfurt war – so Adornos Freund Löwenthal – eher das Ergebnis «strategischer Planung».’ Sein Vorteil bestand darin, daß er auf die Universitätskollegen vertrauenswürdiger wirkte als sein Vorgänger, der sich offen zum Marxismus bekannt und damit dem Institut einige Unannehmlichkeiten politischer Art eingehandelt hatte. Horkheimer hingegen eignete sich besonders gut, weil er relativ unbekannt war und «den Namen Marx selten in den Mund nahm».6 Damit aber war es gelungen, einen Marxisten auf einen ordentlichen Lehrstuhl der Philosophischen Fakultät zu bringen, der gleichzeitig die Institutsleitung übernahm.
Unter dem Dach des Instituts für Sozialforschung war auch das Frankfurter Psychoanalytische Institut untergebracht, in dem Erich Fromm lehrte, der bis zum Bruch mit Horkheimer auch mit dem Institut für Sozialforschung zusammenarbeitete. Fromm gehörte neben Wilhelm Reich in den späten 20er und frühen 30er Jahren zu den radikalen Linksfreudianern, die die Freudsche Trieblehre mit dem Marxschen Klassenkampf verbanden. Deren Grundidee war, Gefühle der Unzufriedenheit im Menschen aufzuspüren und die entfesselten Triebe gegen die herrschende Klasse in Gesellschaft und Staat zu richten. So wurde die Triebtheorie Freuds zur Klassenkampfstrategie instrumentalisiert. Horkheimers theoretisches Konzept der frühen 30erJahre, insbesondere die «Studien über Autorität und Familie», waren stark von diesem Gedanken durchdrungen.
Zu den Aufgaben des Instituts gehörte die Herausgabe der Werke von Marx und Engels sowie die Veröffentlichung der Zeitschrift für Sozialforschung (ZfS). Darüber hinaus ging es vor allem um die Förderung junger kommunistischer Akademiker. Horkheimer wollte die «Krise des Marxismus» überwinden, indem er die marxistische Ideologie und Strategie den Zeiterfordernissen anzupassen versuchte.? Nach marxistischdialektischer Geschichtsauffassung hätte nämlich im krisengeschüttelten Deutschland der20erJahre die proletarische Revolution ausbrechen müssen. Deshalb stellte sich nun die Frage, warum sie nicht gekommen war und wie sie hätte herbeigeführt werden können. Horkheimers Antwort: Die psychische Entwicklung der Individuen habe sich der revolutionären Umgestaltung der Gesellschaft entgegengestellt, weil die Menschen an die bestehende Gesellschaft angepaßt waren. Deshalb müßten all jene Bereiche des kulturellen Lebens untersucht werden, die das Individuum an die bestehende Gesellschaftsordnung anpaßten, allen voran die Familie, die Schule, die Kirche, Rechtsprechung und Politik.
Damit sollte der Weg für das geebnet werden, was Michel Foucault in den 80er Jahren «kulturelle Attacke» nennen sollte. Zunächst mußten junge, marxistisch geschulte Intellektuelle in allen einzeln-wissenschaftlichen Bereichen herangezogen werden; die dann den «Marsch durch die Institutionen» antreten sollten, wie von Dutschke später explizit gefordert. Diese Strategie lief darauf hinaus, in einer nichtrevolutionären Situation Institutionen wie Familie, Schule, Universität, Wissenschaft, Kirche, Rechtsprechung und Politik zu unterwandern, die den verhaßten Kapitalismus aufrecht erhielten. So sollte die revolutionäre Situation vorbereitet werden, die schließlich zur Überwindung des kapitalistischen Wirtschaftssystems führen sollte.
Der Angriff auf Autorität und Familie
Horkheimers «Autorität und Familie» (1936) ist eines der Schlüsselwerke der «Frankfurter Schule». Bereits hier sind wesentliche Grundzüge der späteren Theorien Horkheimers, Adornos und Marcuses vorgezeichnet. Es greift Vorarbeiten Erich Fromms auf, der psychoanalytische Studien über die Familie mit der Marxschen Klassentheorie der Gesellschaft verbunden hatte.
Horkheimer stimmt Marx zu, daß ökonomische Gesetzmäßigkeiten die gesellschaftliche Entwicklung bestimmten. Es ließe sich aber «die Handlungsweise der Menschen in einem gegebenen Zeitpunkt nicht allein aus ökonomischen Vorgängen erklären».8 Vielmehr sei es ihr Charakter, mit dem die Menschen auf die Entwicklungen in Wirtschaft und Gesellschaft reagierten. Und weil der Charakter vor allem durch Institutionen wie Familie, Schule, Kirche geprägt werde, müsse man auch sie in die gesellschaftskritische Betrachtung einbeziehen.
Horkheimer sieht wie Marx die gesamte bisherige Geschichte als eine Geschichte der Herrschaft von Menschen über Menschen an. Die bisherige Geschichte sei «durch Über- oder Unterordnung von Klassen gekennzeichnet». Deshalb stehe bei der Mehrheit der Menschen das Fühlen, Denken und Handeln im Zeichen der Unterordnung. Diese habe nur durch Belohnung oder Strafe durch eine Autorität erzwungen werden können. «Autorität ist daher eine zentrale geschichtliche Kategorie.» 10
Die Autoritätsgläubigkeit, die zur Aufrechterhaltung der bestehenden gesellschaftlichen Ordnung nötig sei, werde vor allem durch Familie, Schule, Kirche, Religion und Philosophie in die Gemüter der Menschen eingepflanzt, sei es als Glaube an die Autorität des Vaters, als Glaube an die Allmacht Gottes oder als Glaube an ewig gültige metaphysische Prinzipien, denen der Mensch und die Gesellschaft unterworfen sei.
Die Familie ist für Horkheimer «eine der wichtigsten erzieherischen Agenturen»,11 die das Kind bereits im zartesten Alter daran gewöhne, sich der Autorität des Vaters unterzuordnen. Das Kind habe grundsätzlich Gehorsam zu üben und die ihm auferlegte Pflicht zu erfüllen. «Der Eigenwille des Kindes soll gebrochen und der ursprüngliche Wunsch nach freier Entwicklung seiner Triebe und Fähigkeiten durch den inneren Zwang zur unbedingten Pflichterfüllung ersetzt werden.»12 So erziehe die Familie «zum autoritären Verhalten in der Gesellschaft», 13 das nötig sei, um die von der bürgerlichen Gesellschaft erzwungene Über- und Unterordnung aufrechtzuerhalten. Dieses Verhältnis von Über- und Unterordnung sei in der «patriarchalischen Kleinfamilie» durch die Rolle des Vaters gegeben. «Er ist Herr im Haus, weil er das Geld verdient oder wenigstens besitzt»; «der Umstand jedoch, daß in der normalen bürgerlichen Familie der Mann das Geld, diese Macht in substantieller Form, besitzt und über seine Verwendung bestimmt, macht Frau, Söhne und Töchter auch in der neueren Zeit zu den «Seinen», gibt ihr Leben weitgehend in seine Hand, zwingt sie zur Unterordnung unter Leitung und Befehl».14 Horkheimer spricht von der daraus resultierenden «Verzweiflung von Frauen und Kindern», dem «Raub an ihrem Lebensglück», von der «materiellen und psychischen Ausbeutung» infolge «der ökonomisch begründeten Vormachtstellung des Vaters».15
Und weiter: «Die Monogamie in der bürgerlichen Männergesellschaft setzt die Entwertung des Genusses aus reiner Sinnlichkeit voraus.»16 So erzwinge die Familie – und hier knüpft Horkheimer an Fromms triebpsychologische Studien der 20er und 30er Jahre an – die Unterdrückung der Sexualität, die es von der patriarchalischen Struktur und Moral der bürgerlichen Kleinfamilie zu befreien gelte.
Wir sehen bei Horkheimer bereits alle Kampfthemen des Neomarxismus angesprochen, die bis in unsere heutige Zeit hineinwirken: Die Rede von der «Männergesellschaft», «Unterdrückung der Frau», «sexueller Ausbeutung», «patriarchalischer Kleinfamilie» als «erzieherische Agentur» des Kapitalismus, Unterdrückung des «Genusses aus reiner Sinnlichkeit» usw. Daraus folgten Forderungen wie Auflösung und Ersatz der patriarchalischen Kleinfamilie durch andere Lebensgemeinschaften, Emanzipation der Frau, verstärkte Erwerbstätigkeit der Frau (zwecks Aufhebung der ökonomischen Abhängigkeit), Recht auf außerehelichen Geschlechtsverkehr und sexuelle Befreiung ganz allgemein, antiautoritäre Erziehung, Kampf gegen die bürgerliche Moral, gegen die abendländisch-christliche Kulturtradition, Kampf gegen Autoritäten in Schule, Kirche, Gesellschaft und Staat.
Der einzelne Mensch sollte so aus den Bindungen an Familie, Tradition, Religion und kulturelle Werte herausgelöst werden; denn die «Kritische Theorie» sah in ihnen nur Ketten, durch die jeder an das verderbte System gekettet sei.
Alter Wein in neuen Schläuchen: Die «Kritische Theorie»
Nach dem gleichen Schema, mit dem Horkheimer die Institution Familie und die tragenden Werte der abendländisch-christlichen Kultur einer Radikalkritik unterzieht, geht er auch gegen Wissenschaft und philosophische Tradition vor. Sein 1937 veröffentlichter Aufsatz «Traditionelle und kritische Theorie»17 zielt darauf ab, Akademiker und Intellektuelle «aus den Fesseln» ihres falschen, an die Tradition gebundenen Denkens zu lösen. Als «traditionelle Theorie» faßt Horkheimer alle philosophischen Ansätze seit der Antike zusammen, die sich auf objektive Aussagen, die (menschliche) Natur und absolut gültige Werte berufen.
Die «Kritische Theorie», ein «Tarnbegriff» für Marxismus, lehnt alle objektiv gültigen Werte und Wahrheiten ab. Diese seien immer nur historisch bedingt und relativ. In schlechten Verhältnissen könne nur falsches Bewußtsein entstehen. Was als ewig gültig ausgegeben werde, verewige nur die schlechten Verhältnisse. Die «kritische Theorie» entlarve dies als Lüge und mache damit den Weg frei, aus dem falschen Bewußtsein herauszutreten, die wahren Ursachen der schlechten Verhältnisse zu erkennen und die «Herrschaft der Wirtschaft über den Menschen» zu überwinden. Das ist Marxsche Dialektik pur, getarnt als «kritische Theorie».
Ganze Studentengenerationen bekamen die «Traditionelle und kritische Theorie» in den 60er und 70er Jahren als Pflichtlektüre vorgesetzt. Die Marxschen Kampfbegriffe werden ersetzt: «Revolution» heißt jetzt «Negation des Bestehenden». «Diktatur des Proletariats» ist zu «Vergesellschaftung» des Menschen geworden, «Kommunismus» zu «vernünftige Gesellschaft». Als ob nicht schon in den 30er Jahren die Greuel der kommunistischen Diktatur deutlich gewesen wären!
Die «Kritische Theorie» tut aber geschickt so, als stünde sie in der philosophischen Tradition seit der Antike, obwohl sie mit allen Grundlagen gebrochen hat. Sie behauptet – Marx folgend -, wahre Vernunft, Freiheit und Humanität, von der die bisherigen Philosophen nur geredet hätten, seien erst nach der Revolution in einer klassenlosen Gesellschaft praktisch möglich. In diesem Sinn, so Horkheimer, «bewahrt die kritische Theorie über das Erbe des deutschen Idealismus hinaus das der Philosophie schlechthin».18 Die «Kritische Theorie» entspreche dem Denken von Platon und Aristoteles, weil sie den Menschen in der Totalität der gesellschaftlichen Verhältnisse einordne und nicht einzelwissenschaftlich fragmentiert betrachte. Sie stehe in der Tradition des Deutschen Idealismus seit Kant und habe diese weiter entwickelt.
Dabei könnte der Gegensatz nicht größer sein: Platon und Aristoteles gehen von der Natur des Menschen aus. Marx und die «Kritische Theorie» leugnen die Natur des Menschen. Der deutsche Idealismus, Goethe, Schiller und Humboldt waren angewidert vom Terreur der zweiten französischen Revolution und der Diktatur Robbespierres. Marx sah sich in der Tradition der Jakobiner.
Solche Vermischungen der Marxschen Lehre mit völlig entgegengesetzten Geistesströmungen lagen ganz in der Strategie der Frankfurter Schule. Liberale kritische Akademiker begeisterten sich so für die Ideen und revolutionäre Strategie des Marxismus, weil sie anscheinend etwas mit Mitmenschlichkeit, sozialer Gerechtigkeit und kritischem Denken zutun hatten. Die Berufung auf die besten philosophischen Traditionen sollte die Herzen der Intellektuellen ansprechen. Das alte Marxsche Ziel ist letztlich geblieben: Revolution und Diktatur. Dazu bedürfe es aber zunächst der «Aufhebung der gesellschaftlichen Verhältnisse, welche die Entwicklung gegenwärtig hemmen». 19 Denn die sozialistische Revolution werde noch durch die tragenden gesellschaftlichen und kulturellen Institutionen gehemmt.
Die Studien über «Autorität und Familie» und der programmatische Entwurf einer «Traditionellen und kritischen Theorie» waren noch vor der Flucht aus Hitler-Deutschland im Entstehen begriffen. Sie wurden während des Exils in den USA weitergeführt und beendet.
Nach dem Krieg
Die Tarnung der revolutionären Strategie sollte Horkheimer nach dem Zweiten Weltkrieg konsequent fortsetzen. 1948 reiste er mit finanzieller Unterstützung der Rockefeller Foundation nach Deutschland, um – wie er Marcuse anvertraute – herauszufinden, ob es «drüben ein paar Studenten und sonstige Intellektuelle gibt, auf die man nachhaltigen Einfluß in unserem Sinn üben kann».20 Offiziell deklarierte er als Ziel, durch Vorlesungen über «Sozialphilosophie» «zur Umerziehung der deutschen Jugend beitragen zu können» und «sie mit den Ideen des Individuums und des autonomen Subjekts vertraut [zu] machen». Er wolle so die «Mitarbeit Deutschlands am Aufbau eines friedlichen, geeinten Europa» und die «Wiedereinbindung Deutschlands in die wissenschaftlich-intellektuelle Weltgemeinschaft» fördern. In Wirklichkeit war das subversiv revolutionäre Ziel der «Kritischen Theorie» die «Aufhebung der gesellschaftlichen Verhältnisse» in «unserem Sinn».
Den wohl schwersten Schaden unter den Intellektuellen dürfte die «Kritische Theorie» mit ihrem Vorwurf angerichtet haben, im Wissenschaftsbetrieb der heutigen Gesellschaft könne kein Fachwissenschaftler wirklich kritisch denken, es sei denn er sei Marxist. Hier hat das 68er Schimpfwort seinen Ursprung, der traditionelle Wissenschaftler sei ein «Fachidiot», der nicht erkenne, welchen gesellschaftlichen Interessen seine Forschung diene und wo die gesellschaftlichen Ursachen aller Probleme lägen. Die herrschende Wissenschaft sei die Wissenschaft der Herrschenden. Dieser Gedanke steht im Zentrum der «Kritischen Theorie».
Kritisch könne nach Horkheimer der Wissenschaftler nur werden, wenn seine Wissensproduktion «mit dem Kampf um bestimmte Lebensformen in der Wirklichkeit zusammenfällt». Bei Marx hatte es geheißen, daß der Mensch nur im Kampf auf der richtigen Seite der Barrikade richtiges «praktisches» Wissen erwerben könne.
Für Marx wie für Horkheimer gehe die «alte Welt an einem überholten wirtschaftlichen Organisationsprinzip zugrunde». Das bewirke einen kulturellen Verfall. Heute beherrsche die Wirtschaft den Menschen, weil die Produkte nicht in den Händen der Gesellschaft liege. Die Wirtschaft sei daher der Hebel zur Umwälzung. Die Veränderung einer Gesellschaft umfasse aber auch die Kultursphäre. In der zukünftigen «vernünftigen» Gesellschaft des Kommunismus müßten die Menschen daher nicht nur die Herrschaft über die Wirtschaft, sondern auch über ihre gesamten Beziehungen errungen haben.
von J. Hoefele, M. Nestor
1 Wiggershaus, Rolf. Die Frankfurter Schule. MünchenlWien, 1987, S. 56ff.
2 Horkheimer, Max. Aus der Pubertät, S. 196; zit. nach Wiggershaus, S. 57
3 Briefwechsel Wiesengrund-Löwenthal vom 16.7.24; zit. Nach Wiggershaus, S. 60
4.6 Wiggershaus, Rolf. Die Frankfurter Schule. München/Wien 1987, S. 47 und 67
5 zitiert nach Wiggershaus, Rolf. Die Frankfurter Schule. München/Wien 1987, S. 53
7 zitiert nach Wiggershaus, Rolf. Die Frankfurter Schule. München/Wien 1987, S. 51f.
8-16 Horkheimer, Max. Autorität und Familie. S. 168, 178, 181, 208, 209,208, 213, 213, 213
17 Horkheimer, Max. Traditionelle und kritische Theorie/Nachtrag. In: Ders. Traditionelle und kritische Theorie. Frankfurt am Main. 1968
18,19 Horkheimer, Max. Nachtrag. In: Ders. Traditionelle und kritische Theorie. Frankfurt am Main. 1968, S. 58, 61.
20 Brief Horkheimer an Marcuse vom 28.2.1948. In: Horkheimer, Max. Gesammelte Schriften. Bd. 17. Frankfurt am Main. 1996. S. 931.
21 Brief Horkheimer an Robert Havighurst. In: Horkheimer, Max. Gesammelte Schriften. Bd. 17. Frankfurt am Main. 1996, S. 955.

